26. September 2011

Ein Spediteur bezwingt den Nord- und Südpol



Norbert Kern hat die Herausforderung gesucht und ein Gespür gehabt für Trends in der Luftfracht


Norbert Kern war das siebte von neun Kindern einer Arbeiterfamilie. Mit 16 musste er Geld verdienen und machte eine Lehre als Speditionskaufmann. Mit 26 gründete er seine eigene Spedition. Mit 30 zählte er zu den Großen der Branche. Nebenbei wurde er Handball-Nationalspieler. Er war Luftfracht-Chef von Kühne+Nagel und Bahn-Vorstand für den Güterverkehr. Noch heute ist er als Berater für Logistiker und die Bahnindustrie ein gefragter Mann. Mit 66 bezwang er auf Skiern Süd- und Nordpol, mit 68 überquerte er das Inlandeis Grönlands von West nach Ost.
Auf der Anrichte im geräumigen Arbeitszimmer seines Wohnhauses in Dietzenbach steht eine Diesel-Lok des US-Herstellers GM-EMD. Davor ein Güterwagen der Deutschen Bahn. An der Wand hängt ein Foto mit Gerhard Schröder, als der noch Ministerpräsident von Niedersachsen war. Und ein Zertifikat vom Guinness Buch der Weltrekorde. Das bescheinigt, dass Norbert Kern als ältester Mensch auf Skiern 2007 sowohl den Südpol als auch den Nordpol innerhalb von vier Monaten erreichte. Ein Handball mit Original-Unterschriften der Deutschen Weltmeister von 2007 mit Trainer Heiner Brand und auch Jo Deckarm liegt auf dem Schreitisch. Fast versteckt hinter Glas gerahmt ist ein Zitat von Helen Tew zu lesen, die mit 89 Jahren in einem Segelboot den Atlantik überquerte. „Höre nicht auf die Pessimisten. Es gibt immer jemanden, der dir erzählen will, dass du etwas nicht kannst, weil es zu schwierig oder zu gefährlich sei, weil du zu jung oder zu alt seiest. Tu es einfach. Es ist nie zu spät, die Dinge zu tun, die du schon immer tun wolltest“.
Das Tew-Zitat ist vor allem auch die Lebens-Philosophie von Norbert Kern. Lass dich nicht unterkriegen. Wenn du es wirklich willst, schaffst du es.

8. September 2011

5.000 Airlines im Angebot


Hector Cabezas betreibt das Fliegerarchiv am Frankfurter Airport

Gute sechs Meter unter der Abflughalle im Terminal 2 des Frankfurter Flughafens liegt die Welt von Hector Cabezas. Im Kellergeschoss des modernen Abfertigungsgebäudes hat der Deutsch-Argentinier eine der weltweit interessantesten und spannendsten luftfahrthistorischen Sammlungen zusammengetragen.
Der Besucher wird von den Exponaten schier erdrückt. Man weiß nicht, wo man zuerst hinschauen soll. In Handschlagnähe lächelt eine Lufthansa-Stewardess in der Uniform der 70er Jahre. Rock und Jackett in gedecktem Blau, die Bluse schneeweiß, gelb-blau-gestreiftes Halstuch und eine schwarze Umhängetasche. Natürlich alles original.
Rechts neben dem Eingang hat Hector Cabezas „die Geschichte der Kappen und Brillen aufgebaut“. In den Pionierjahren der Luftfahrt waren die Flugzeuge noch offen. Den Piloten pfiff der Wind um die Ohren und in die Augen. Da waren Fliegerkappen und ledergefasste Brillen ein echtes Muss. Zwei Räume weiter im „Probezimmer“, in dem Cabezas Ausstellungen vorbereitet, steht ein Pilot „so um die Jahre 1925/1928“ in voller Montur: Dick vermummter Kopf, schwere Lederjacke mit Pelzbesatz, gefütterte Lederhandschuhe, Hosen aus Leder und Stiefel wie Knobelbecher.

„Dann musst du eben Spediteur werden“


ACD-Präsident Wolf-Dietrich von Helldorff ist Rekordinhaber: 48 Jahre bei Kühne+Nagel

Das Esszimmer in der Doppelhaushälfte im Wiesbadener Stadtteil Breckenheim sieht aus wie das Zwischenlager eines Möbel-Restaurators. Der Sockel eines Schranks, den eine Expertise als „Norddeutsch, 1. Hälfte 18. Jahrhundert“ ausweist, liegt auf dem Boden. Die dazu gehörenden Türen, Seitenteile und Ornamente lehnen an der Wand. In einer Ecke steht ein Barock-Eckschrank, dem die Einlegeböden fehlen und auch ansonsten der Glanz der Zeit. „Der Restaurateur meint, er kriegt ihn wieder hin“, sagt Wolf-Dietrich von Helldorff. Die Möbel stammen aus dem ursprünglichen Besitz der Familie von Helldorff in Sachsen und Thüringen, die nach dem zweiten Weltkrieg enteignet wurden. Sie sind der Rest von dem, was nach der Enteignung durch die Russen 1945 und den Regelungen zur Deutschen Wiedervereinigung von 1990 geblieben ist.
Natürlich hatte von Helldorff nach der Deutschen Einheit im Stillen gehofft, die Güter seiner Vorfahren zurückzubekommen. Doch schon damals war ihm klar: „Ich werde nicht in die Fußstapfen meines Vaters treten. Ich bin Spediteur und kein Landwirt“. Doch Wolf-Dietrich von Helldorff wäre kein guter Manager gewesen, hätte er nicht einen Plan B in der Tasche gehabt. Für diesen Fall hätte er nach einem Gutsverwalter Ausschau gehalten. Doch das war nach den Vereinbarungen zwischen Sowjetunion, DDR und Bundesregierung zur Enteignungs-Problematik auch nicht mehr erforderlich. Es gab auch für die von Helldorffs kein Recht auf Rückübertragung der Ländereien.

Für die Beendigung des Studiums blieb einfach keine Zeit

Oswald Buttler kam als Seiteneinsteiger zur Luftfracht und fand seine große Liebe

Die einen haben ein Gästebuch. Oswald Buttler nutzt dafür seit ewigen Zeiten die Tür zur Kellerbar seines Hauses in Bad Nauheim. Die dort verewigten Namenszüge lesen sich wie  das „who is who“ der deutschen Luftfracht- und Speditionsbranche. Siegfried Köhler, Lufthansas legendärer Frachtchef Deutschland in den 70er Jahren, Helmuth Klumpp, 15 Jahre lang Frachtchef der Lufthansa weltweit und Vertreter des Kranichs in der IATA, Günther Huhn, Geschäftsführer des Deutschen Luftfrachtkontors, einer Vereinigung der Spediteure für ihren Sammelverkehr, Gustav Patzina, Frachtchef der Pan American Deutschland, Jochen Linke (Schenker), Horst Naatz  (Danzas), Erhard Thiel  (Kühne & Nagel), Herbert Braunagel (Impex), Günter Mosler, damals Frachtchef Deutschland der TWA und später  geschätzter  Journalist. Was Rang und Namen hatte, war im Hause Buttler zu Gast und hat sein Autogramm hinterlassen.


Ein Leben für die Fracht


Heinz Kilb ist seit 35 Jahren bei Lufthansa Cargo und damit länger dabei als das LCC steht

Sein allererstes Büro im damals nigelnagelneuen LCC ist längst an den Zoll vermietet. In Büro Nummer 2, ebenerdig und mit Blick zu den Palettenbauern strategisch viel günstiger gelegen, sitzt schon seit Jahren der Stationsleiter der Lufthansa-Tochter „Handling Counts“. Inzwischen ist Heinz Kilb  im Bürotrakt des Lufthansa Cargo Center ganz oben angekommen – im fünften und obersten Stock. Mit Blick auf den Taunus. Schichtleiter ist er nach wie vor. Dazu Schwerbehindertenvertrauensmann für alle Lufthansa Cargo-Kollegen in Deutschland.
Der gelernte Einzelhandelskaufmann Kilb, 59 Jahre alt,  ist sein ganzes Lufthansa-Leben ständig in Bewegung. So wie das Lufthansa Cargo Center auch. Kilb war von Anfang an dabei, als das damals größte und modernste Frachtumschlagzentrum der Welt 1982 in Betrieb ging. Es sollte die nötige Kapazität des boomenden Cargo-Geschäfts bis zum Jahre 2000 sichern. Doch schon Ende der 80er Jahre platzte es aus allen Nähten und es musste um- und angebaut werden. Natürlich musste auch Heinz Kilb um- und mitziehen.





„Die Luftfracht ist ein Bestandteil unseres Lebens geworden“ - Part II


Ein Interview mit Dr.-Ing. Benjamin Bierwirth

Wie kann man sich die täglichen Anforderungen an die Luftfrachtlogistik vorstellen? Wo liegen die größten Schwierigkeiten der Prozessabwicklung und der Infrastruktur, mit welchen Hürden werden das Bodenpersonal und das Luftpersonal konfrontiert?
Die Schwierigkeiten liegen in der Zusammenarbeit der vielen Beteiligten und der vielen Schnittstellen. Luftfrachtlogistik ist einerseits ein Zusammenspiel von Just-in-Time mit kurzen Übergabezeiten und andererseits viel Flexibilität, um alles möglich zu machen.
Wenn es um Luftfracht geht, hört man häufig vom „Cargo Spirit“. Wie würden Sie diesen Spirit beschreiben? Finden Frauen in diesem Selbstverständnis der „Frachtbullen“ überhaupt Platz oder handelt es sich hier um einer Männerdomäne?
Die Männerdomäne entstammt vergangenen Zeiten, in denen viele der Frachtbullen noch selbst anpacken mussten, wenn es notwendig war. Diese Zeiten sind aber vorüber. Langfristig werden auch in diesem Sektor mehr Frauen zu finden sein.
Der Cargo Spirit resultiert vermutlich daher, dass die Luftfracht oftmals das eher ungeliebte Stiefkind im Luftverkehr ist. Beim Fliegen denken die meisten Menschen erst an den Passagierverkehr. Die Köpfe in der Luftfracht sind überschaubar – das schweißt zusammen.

„Die Luftfracht ist ein Bestandteil unseres Lebens geworden“



Ein Interview mit Dr.-Ing. Benjamin Bierwirth



Dr.-Ing. Benjamin Bierwirth ist Partner bei „hwup Consulting“ in Berlin. Er ist Experte für die Planung und Optimierung von Prozessen und Infrastrukturanlagen an Flughäfen sowie Sicherheit in der Logistik. Marlene Lobis sprach mit Bierwirth über Sicherheitsfragen und den Alltag in der Logistik.

2011 wird das 100-Jahre-Jubiläum der Luftfracht in Deutschland gefeiert. Wenn Sie heute die Luftfracht betrachten, welche technologischen oder geschichtlichen Ereignisse würden Sie als Meilensteine der Luftfracht beschreiben?
Die Entwicklung der ULD (Unit Load Device – Luftfrachtpaletten und -container) hat die Luftfracht ebenso stark beeinflusst wie der Container die Entwicklung der Seefracht. In Deutschland wird das Wachstum des Luftfrachtaufkommens nach dem 2. Weltkrieg deutlich. Auf interkontinentalen Strecken kann das Flugzeug seine Vorteile gegenüber den anderen Verkehrsträgern ausspielen. Nationale Luftfracht ist und bleibt auf eiligste Not-Transporte begrenzt. Ein Meilenstein in der deutschen Luftfracht war der große Kapazitätssprung durch die Indienststellung der Boeing 747F. Der Jumbo ist heute noch der Maßstab im Linienverkehr.